BZ: Vom Idealismus getrieben – Unterwegs mit Wahlplakatierern in Neustadt

Seit den 80er-Jahren hängt der Grünen-Kreisrat Leopold Winterhalder für seine Partei Plakate auf. „Früher waren es nur Daniela Evers und ich“, erinnert er sich.

Sie engagieren sich bei Wind und Wetter für ihre politische Überzeugung: Ehrenamtliche, die Wahlplakate aufhängen. Auf einer Tour durch Titisee-Neustadt erzählen zwei von ihnen, was sie antreibt.

 

„Ah, seid ihr wieder fleißig.“ Ein Mann mittleren Alters bleibt neben Leopold Winterhalder stehen, blickt in den Kofferraum des Wagens. Mehrere Wahlplakate der Grünen liegen darin. Eines davon nimmt Winterhalder gerade in die Hand, als er angesprochen wird. Er hält inne, nimmt sich Zeit für einen kurzen Plausch. Dann rennt er über die Straße, eine Leiter in der Hand. An der Laterne bleibt er stehen, stellt seine Tritthilfe hin. Ein Kabelbinder hier, einer dort. Dann hängt das Bild von Jan-Lukas Schmitt. „Schon fertig“, sagt Winterhalder und lächelt.

Die Handgriffe sitzen. Seit den 80er-Jahren hängt der Grünen-Kreisrat für seine Partei Plakate auf. „Früher waren es nur Daniela Evers und ich“, erinnert er sich. Doch die Landtagsabgeordnete und er sind längst nicht mehr alleine. Seit etwa fünf Jahren geht ein regelrechter Ruck durch die Partei. „Wir hatten im Vergleich zu anderen schon immer viele Stimmen, aber wenige Aktive“, sagt er. „Aber das hat sich in den vergangenen Jahren Gott sei Dank geändert.“

Winterhalder startet den Wagen. Ein E-Auto, passend zum Parteiprogramm. Er setzt den Blinker, kommt ins Philosophieren. „Man darf natürlich nicht sagen, E-Autos sind immer die Lösung.“ Nur eben die Zukunft. Doch noch seien sie teuer, für manche gar keine Alternative. Aus seiner Sicht fährt man lieber einen alten Kombi, der kaum bewegt wird, statt extra in ein nigelnagelneues E-Auto zu investieren, das kaum bewegt wird. „Das wäre ja durch die Neuanschaffung auch nicht nachhaltig.“

So ganz nachhaltig erscheinen auch die zig Plakate nicht, die Winterhalder und seine Parteikollegen verteilen. Ist das noch zeitgemäß? „Klar, das ist Müll, auch wenn es in der Papiertonne entsorgt werden kann“, sagt er. Wolle man die Plakatwut eindämmen, bräuchte man einen parteiübergreifenden Beschluss. „Denn es wäre doch auch seltsam, wenn wir als einzige Partei keine aufhängen.“

Ganz früher habe man mit Stellwänden gearbeitet, erinnert sich Winterhalder. Nur 13 Stück gab es in ganz Titisee-Neustadt. Eins pro Wahllokal. Und jede Partei erhielt nur einen Platz darauf. „Die CDU hat mal zwei aufgehängt, da habe ich dann gleich eins überklebt“, erzählt er und lacht. Die Wiedereinführung der Stellwände wäre eine Lösung, die er sich auch für die nächste Wahl vorstellen könnte – kreisweit. Zwar seien die Plakatierungsregeln Sache der Kommunen. Doch im Hochschwarzwald könnte man sich im Bürgermeistersprengel absprechen, um eine Vereinheitlichung zu erreichen. „Das würde Zeit, Aufwand und Müll sparen“, gibt er zu bedenken. Immerhin sei man schon einen Schritt weiter gekommen. Früher habe man die Plakate auf Holzbretter gekleistert. Eine Heidenarbeit sei das gewesen.

Die derzeitigen Umfragewerte geben Schlegel Rückenwind

Daran erinnert sich auch noch Markus Schlegel. Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat von Titisee-Neustadt ist seit der Jahrtausendwende in Wahlzeiten mit Plakaten unterwegs. An diesem verregneten Donnerstagnachmittag steht eine Kontrolltour durch die Straßen auf dem Programm. Denn die Parteien, die nach ihnen plakatierten und das Wetter sorgten immer wieder dafür, dass Plakate verdreht werden, krumm hängen. „Das macht keinen guten Eindruck.“

Schlegel steuert den Wagen in Richtung Ortseingang Titisee-Neustadt. Auf dem Armaturenbrett wackelt der Kopf der Schäferhundfigur munter weiter, als er mit dem Auto an einem Plakat der SPD-Kandidatin hält. „Die hängt schief.“ Er greift zu seinem Multifunktionswerkzeug. Amerikanische Marke, Messer und Zange in einem. „Das nutzen die Profis.“ Er lacht, steigt aus. Kurz drauf hängt die Sozialdemokratin wieder grade. Die Fahrt kann weitergehen.

Die derzeitigen Umfragewerte geben Schlegel Rückenwind. „Wir hängen Plakate unabhängig vom Bundestrend auf, klar. Aber es ist motivierender.“ Der Sozialdemokrat sieht in der wohl einschneidendsten Entscheidung der Ära Schröder die Erklärung für das langanhaltende Wahltief der SPD. „Die Agenda 2010, die war mit Schuld an unserer Misere“, meint Schlegel. Ob diese Wahl wirklich anders wird? „Klar, daran muss man ja glauben.“ Ziel sei es, den Kanzler zu stellen. „Die anderen zwei haben sich ja selbst disqualifiziert“, sagt er über Annalena Baerbock und Armin Laschet.

Naturgemäß sieht das Winterhalder anders. Sein Wunschergebnis? „Grün-rot“, sagt er über die Schulter hinweg, während er vor der Helios-Klinik ein weiteres Plakat befestigt. Dass die Grünen alleine regieren, wäre nicht in seinem Sinne. „Es ist immer wichtig, einen Konsens zu haben“, meint er. „Und es hat einem Land noch nie gutgetan, wenn eine Partei alleine den Durchmarsch gemacht hat.“ Koalitionen brächten auch Akzeptanz in breiteren Teilen der Bürgerschaft mit sich.

Als Winterhalder auf dem Rückweg in die Innenstadt an einem Discounter vorbeifährt, lächelt ihm der CDU-Kandidat entgegen. „Da hänge ich später ein großes Plakat drüber, die Kleinen, die ich dabei habe, sehen da sonst eher billig aus.“ Sein Kommentar zeigt: Plakatierung ist auch Wettbewerb. „Aber da lassen wir uns nicht drauf ein“, relativiert er. Schlegel gibt sich ehrlich: „Natürlich will jeder als erster hängen, an den besten Stellen sein.“ Kreisverkehre seien ein guter Platz, auch viel befahrene Straßen. Hier gelte es, früh dran zu sein. Doch das Plakatieren sei eine Gratwanderung, so Schlegel. Manchmal sei weniger einfach mehr. „Das ist total übertrieben“, sagt er und zeigt auf eine Stange, an der untereinander zwei Plakate derselben Partei hängen.

Wie die Grünen vermeldet auch die SPD Zuwachs bei ehrenamtlichen Plakatierern, wenngleich es bei den Sozialdemokraten nicht so viele sind. „Wir waren lange Zeit zu dritt, jetzt sind zwei dazugekommen“, sagt Schlegel. Man habe die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen wollen. In diesem Jahr habe er bislang 40 Plakate aufgehängt. „Bis alle hängen und später wieder runter sind, sind es schon so zwei, drei Arbeitstage.“

Dabei gibt es für die Helfer zig Regeln zu beachten. „Hier darf ich zum Beispiel keines aufhängen“, sagt Winterhalder und zeigt auf ein Verkehrsschild, das an einem Mast befestigt ist. Es gebe strenge Regeln. Welche Größe, welche Höhe, welcher Zeitraum. „Aber manche scheren sich nicht drum“, so seine Bilanz.

Als Schlegel beim letzten Plakat aussteigt, beginnt es zu regnen. Kein Wahlwetter im Wahlkampf. Der Idealismus überwiegt. Schlegel ist überzeugter Sozialdemokrat und Kommunalpolitiker. Gustav-Adolf Haas habe ihn einst überzeugt, zu kandidieren. 2003 war das, seit 2009 sitzt er nun durchgängig im Gemeinderat. Leopold Winterhalder ist schon seit den 80er-Jahren im Politgeschäft. Der Bau eines Jugendhauses habe ihn einst dazu gebracht, sich zu engagieren. „Kommunalpolitik ist ja oft nicht das, was einen Jugendlichen so interessiert, obwohl es einen direkt betrifft“, sagt er. Mit 22 Jahren zog er ins Stadtparlament. Gekommen, um zu bleiben. Als er 1985 in die Partei die Grünen eintritt, hat sie noch ein Außenseiter-Image. Und jetzt? „Die Themen sind Mainstream geworden, deshalb erscheinen auch wir manchmal wie der Mainstream“, sagt er. „Aber unsere Streitkultur ist nach wie vor da und am Ende des Tages ist auch die Frage, welche Partei die vermeintlichen Mainstream-Themen wirklich umsetzt.“

Nach knapp einer Stunde parkt Winterhalder das Auto wieder vor der Garage, in der die Grünen ihre Wahlplakate sammeln. Noch ist sie nicht leer, es gibt noch einiges aufzuhängen. Und auch für Schlegel war es nicht die letzte Runde durch die Stadt. Er könne nicht sagen, an welchen Stellen die Plakate die Wahl beeinflussen. Doch er ist nach wie vor von deren Wirkung überzeugt: „Ich glaube schon daran, dass es was bringt.“

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